1. Einleitung: Angehörige als unsichtbare Pflegekräfte
In Deutschland wird der Großteil der Pflege nicht von Profis, sondern von Familienangehörigen geleistet. Rund 4 Millionen Menschen pflegen regelmäßig Mutter, Vater, Partner oder andere Angehörige – oft unbezahlt, oft neben Job und Familie.
Ohne sie würde das Pflegesystem kollabieren. Doch die versprochene „Entlastung“ für pflegende Angehörige ist meist Stückwerk, bürokratisch und schwer zugänglich.
2. Zahlen & Fakten zur Situation der Angehörigen
Etwa 80 % aller Pflegebedürftigen werden zuhause versorgt.
Angehörige leisten im Schnitt 50 Stunden Pflege pro Woche, häufig zusätzlich zu einer Erwerbstätigkeit.
40 % berichten von psychischer Überlastung, jede*r Fünfte entwickelt Depressionen.
Pflegegeld (2025): je nach Pflegegrad 332 bis 947 Euro/Monat – oft weniger als ein Minijob, obwohl die Pflege Vollzeit bedeutet.
3. Welche Entlastungsangebote gibt es?
Kurzzeitpflege & Verhinderungspflege: Angehörige können Pflegebedürftige für einige Wochen im Jahr in einer Einrichtung oder durch Ersatzpflege betreuen lassen. Problem: Plätze sind knapp, Anträge kompliziert.
Tagespflege: Pflegebedürftige verbringen den Tag in einer Einrichtung und sind abends zuhause. In der Praxis oft überfüllt und nicht in jedem Ort verfügbar.
Entlastungsbetrag (125 €/Monat): Für Haushaltshilfen oder Betreuungsangebote gedacht – aber in vielen Bundesländern kaum Anbieter.
Pflegezeit & Familienpflegezeit: Recht auf Freistellung von der Arbeit – ohne ausreichende finanzielle Absicherung bleibt es für viele unrealistisch.
Digitale Hilfsmittel: Pflegedokumentations-Apps, Notrufsysteme oder Telemedizin. Aber: Technik ersetzt keine freie Stunde für den Angehörigen.
4. Wo die Realität scheitert
Bürokratie: Viele Leistungen müssen beantragt, nachgewiesen und jährlich neu bestätigt werden.
Informationslücken: Viele Angehörige wissen gar nicht, welche Hilfen existieren.
Finanzielle Schieflage: Wer pflegt, arbeitet oft weniger oder gar nicht – und verliert Einkommen, Rentenpunkte und Altersvorsorge.
Fehlende Strukturen: Besonders auf dem Land fehlen Tagespflegeplätze, ambulante Dienste oder geschulte Haushaltshilfen.
5. Was wirklich helfen würde
Einfacher Zugang zu Leistungen: Automatische Bewilligung bestimmter Hilfen statt endloser Anträge.
Bessere finanzielle Absicherung: Höheres Pflegegeld, Lohnersatzleistungen oder mehr Rentenpunkte.
Mehr Kurzzeit- und Tagespflegeplätze: Realer Ausbau statt nur Versprechen.
Psychologische Unterstützung: Kostenfreie Beratung und Therapieangebote für Angehörige.
Pflegezeit mit echter Lohnfortzahlung: Damit Beruf und Pflege vereinbar bleiben.
6. Fazit
Pflegende Angehörige sind das Fundament des deutschen Pflegesystems – und gleichzeitig dessen größte Schwachstelle. Ohne sie bricht die Versorgung zusammen, doch sie selbst werden mit Bürokratie, Überlastung und finanziellen Einbußen allein gelassen.
Entlastung für Angehörige darf kein politisches Schlagwort bleiben. Sie braucht klare Strukturen, bessere Finanzierung und einen Kulturwandel: Pflegearbeit in der Familie muss endlich als das anerkannt werden, was sie ist – eine gesellschaftlich unverzichtbare Leistung.

