Freitag, September 19, 2025

Digitalisierung in der Pflege – Entlastung oder zusätzliche Belastung?

1. Einleitung: Versprechen der Digitalisierung
Digitalisierung gilt seit Jahren als Hoffnungsträger für die Pflege. Sie soll Bürokratie abbauen, Arbeitskräfte entlasten und die Versorgung von Pflegebedürftigen verbessern. Doch die Realität sieht oft anders aus: Viele Projekte bleiben stecken, Technik scheitert an der Praxis – und Pflegekräfte fühlen sich eher zusätzlich belastet als entlastet.

2. Status quo – wo die Pflege bereits digital arbeitet

Digitale Pflegedokumentation: In vielen Einrichtungen werden Pflegeberichte mittlerweile per Tablet oder PC erfasst.

Telemedizin & Videosprechstunden: In ländlichen Regionen werden digitale Arztkontakte wichtiger, um die Versorgung sicherzustellen.

Sensorik & Assistenzsysteme: Bewegungsmelder, Sturzsensoren oder GPS-Tracker werden zunehmend genutzt.

E-Rezept & elektronische Patientenakte (ePA): Schrittweise Einführung, noch mit vielen Kinderkrankheiten.

3. Entlastungspotenziale durch digitale Lösungen

Zeitersparnis: Digitale Dokumentation kann bis zu 30 % Zeit sparen, wenn Systeme funktionieren.

Bessere Koordination: Informationen lassen sich schneller zwischen Ärzten, Pflegediensten und Angehörigen austauschen.

Frühwarnsysteme: Sensorik kann Stürze, Bewegungsmangel oder Gesundheitsprobleme frühzeitig erkennen.

Ambulante Pflege: Videoberatung und digitale Kommunikation können Wege reduzieren und Pflegepersonal effizienter einsetzen.

4. Belastungen und Probleme in der Praxis

Technik statt Mensch: Pflegekräfte berichten, dass die Technik oft mehr Aufmerksamkeit fordert als die Menschen.

Bürokratie 2.0: Digitale Systeme ersetzen nicht immer Papier, sondern erzeugen zusätzlichen Aufwand.

Kostenfalle: Einrichtungen müssen Geräte, Software und Schulungen bezahlen – ohne ausreichende Refinanzierung.

Akzeptanzprobleme: Viele Pflegekräfte sind nicht ausreichend geschult oder empfinden digitale Tools als Belastung.

Datenschutz & Sicherheit: Strenge Vorgaben erschweren die Einführung und Nutzung.

5. Zahlen & Fakten zur Digitalisierung in der Pflege

Laut einer Studie des Deutschen Pflegeportals (2024) arbeiten nur 39 % der Pflegeeinrichtungen vollständig digital in der Pflegedokumentation.

62 % der Pflegekräfte geben an, dass digitale Systeme mehr Zeit beanspruchen, weil sie nicht reibungslos funktionieren.

Nur 17 % der Einrichtungen setzen auf Sensorik oder Smart-Home-Lösungen für Pflegebedürftige.

Die Bundesregierung stellt im Rahmen des Digitalisierungspaktes Pflege (2024–2028) rund 300 Mio. Euro Fördermittel zur Verfügung – Experten sehen jedoch einen Bedarf von mindestens 1,5 Mrd. Euro.

Prognosen: Bis 2030 sollen 70 % aller Pflegeeinrichtungen digitale Dokumentationssysteme nutzen – ob die Umsetzung gelingt, bleibt fraglich.

6. Ausblick & Fazit
Digitalisierung kann Pflegekräfte entlasten – aber nur, wenn Technik praxisnah, zuverlässig und sinnvoll eingesetzt wird. In der Realität fehlen oft Zeit, Geld und Know-how. Statt Entlastung erleben viele Pflegende eine neue Form der Belastung.

Fazit: Digitalisierung ist kein Selbstläufer. Sie kann helfen, den Pflegenotstand abzufedern, wenn sie praxisgerecht umgesetzt wird. Ohne ausreichend Finanzierung, Schulung und Beteiligung der Pflegekräfte bleibt sie aber ein weiteres Reformversprechen, das an der Realität vorbeigeht.

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